Midburn

Wir fahren zu Midburn. Dem kleinen Bruder des Burning Man. Ein weniger schickes, dafür umso durchgeknallteres Festival in der Wüste Negev. Wie biblisch. Leider gibt es dort weit weniger Annehmlichkeiten als erwartet. Genaugenommen gar keine.
Deshalb verkleiden sich auch alle und/oder basteln Kunst, um diesen Umstand weitesgehend zu verdrängen. Wir werden dies auf die herkömmliche Art und Weise tun. Mit Vodka. Und Soda. Und Limette. Und Eis-welches im übrigen das Einzige ist, was man dort käuflich erwerben kann. Halleluja möchte man da juchzen.
Wobei, lumpen lasse ich mich auch nicht und habe natürlich etwas vorbereitet. Ein Kostüm für die White Night zum Beispiel. Und Pop Up Titten.
Doch zu diesen später…

Donnerstags ist bei Midburn White Night und dafür bedarfs es eines speziellen Outfits. Da ich gerade unsinnigen Konsum, aus Gründen der Nachhaltigkeit, ausschließlich per „Willhaben“ ausleben darf, mache ich mich auf den Weg in den 9. Wiener Gemeindebezirk, um mir ein weißes Häkelkleidchen anzuschauen. Dieses wird für schlappe 10,00 gekauft und muss nurmehr ein wenig aufgepimpt werden. Wie das geht, zeige ich in diesem Tutorial.


In Tel Aviv angekommen läuft dann alles wie geschmiert. Nur weil ich am falschen Gepäckband stehe, ist mein Koffer doch nicht weg. Und nur weil das Restaurant, in welchem ich den Schlüssel für das Apartment abholen soll, geschlossen ist und das erste Hostel in welches ich ausweichen möchte auch, ist das noch lange kein Grund sich die Laune vermiesen zu lassen. Ich habe den besten Taxifahrer der Welt, der mir andauernd sein Telefon leiht, um jemanden zu erreichen der mich aufnimmt oder besagten Schlüssel aushändigt. Da ist es dann auch egal, das nie jemand abhebt. Bester Stimmung komme ich um 4:00 früh (Landung 1:30) im Beachfront Hostel an und schlafe wohlbehütet zwischen einem Inder und Chinesen ein. Im Laufe der nächsten 24h trudelt dann auch der Rest der Entourage ein und man vereint sich auf ein paar gepflegte Bierchen in einer netten Bar in Florentin. Aber nur kurz, den heute geht es echt mal früh ins Bett. Ein ordentlicher Zeitplan ist das einfachste auf der Welt. Man muss ihn wie ein Pferd von hinten aufziehen und jeder Aktion eine halbe Stunde Puffer einbauen. Vorallem in bestimmer Gesellschaft. Morgen ist Donnerstag. White Night. Ich muss vor Sonnenuntergang aufgepimpt und -gerüscht in meinem White Night Kostüm sein. Heißt um 19:37


Der Wecker klingelt, Zeit bis zum tatsächlichen Aufstehen: 15min
Duschen, packen, fertig machen: 1h
Auf die anderen warten die im Nachbarhotel wohnen: 1h
Zum LalaLand latschen, dort frühstücken: 1,5h
Vom LalaLand zur Autovermietung: 30min
Zeit bis man abfahrbereit im Auto sitzt: 1,5h
Nach Beer Sheva (mit einem Toilettengang): 1,5h
In Beer Sheva einen Supermarkt finden und dort Lebensmittel und Alkohol kaufen: 1,5h
Von Beer Sheva in die Wüste und zum Midburn Gate: 1,5h
Dort eventuell anstehen, Parklplatz und Camp suchen, Auto ausräumen, Hallo sagen: 1,5h
Zelte aufbauen: 1h
Im White Night Outfit erstrahlen: 1h


Das heißt wir gehen um 0:00 ins Bett, haben sechs Stunden Schlaf und schaffen alles locker bis 20:00. Nach drei Stunden Schlaf bin ich mir nicht ganz sicher wer ich bin und ob ich meinen Beruf als Reiseplanerin überdenken sollte. Nichtsdestotrotz schwinge ich mich aus meinem Stockbett und sehe sofort das meine Hostelkumpanin nicht hier ist. Das letzte Mal als ich sie gesehen habe, wollte sie noch kurz eine auf der Terrasse rauchen. Ich spitze kurz in alle mir zugänglichen Zimmer, frage an der Reze nach dem Universalschlüssel, um auch die andern inspizieren zu können, und stoße mit diesem Wunsch an die Grenzen der Hilfsbereitschaft der netten Angestellten.
„Do you have a Universal Key?“
„A what?“
„You know, a key which opens every door?“
„Äh why? And nooo!!!“
Mir bleibt nur eine kleine Panikattacke und die Frage wieweit Freundschaft gehen muss. Kurz bevor ich beschließe die Kameradin ihrem Schicksal zu überlassen fällt es mir wie Sand von den Augen und ich renne runter zum Strand. Und ja, zwischen zwei sportlichen Morgenschwimmern beim Aufwärmen, sehe ich einen verdächtig düsteren Haufen Elend. Ich fokussiere und erkenne einen mir bekannten Sonnenschirm und hüpfe trotz des Ärgers sehr erleichtert darauf zu. Unsere Freundin schaut in Unterwäsche und heraushängender Zunge zwar nicht schön, aber doch beachtlich besser als ihr neu gewonnener Freund aus. Der steckt wie ein Strauß mit dem Kopf im Sand und ich wundere mich ein ums andere Mal was man im Suff so alles erträgt. Die Kameradin ist schnell wach gerüttelt, was man von ihrer Begleitung nicht gerade behaupten kann. Während sie an ihm zurrt und zerrt, renne ich geistesgegenwärtig mit einer leeren Dose Bier zu den Duschen und kippe ihm den Inhalt noch gerade rechtzeitig ins Gesicht. Ein beherzter Schnappatmer rettet ihm das Leben. Nein. Ich, rette ihm das Leben!
Allerdings bleibt für Dankesreden keine Zeit, da mir diese für den minutiös geplanten Tagesablauf langsam davonrinnt.

Bis zur Autovermietung, also der ersten des Tages, verläuft somit schon mal alles reibungslos. Außer man möchte den Halbtoten Sandmann und den kurzen Eklat mit unseren zwei Taxifahrern dazurechnen. Aber tun wir das einfach mal nicht.

Bei Avis dann die Nachricht wir bekommen kein Auto! Kreditkarteninhaber und Fahrscheinhalter müssen diesselbe Person sein. Darauf wird bei der Online Buchung auch aufmerksam gemacht, aber die Stärken meiner Gefährten sind eben sehr unterschiedlicher Natur. Da hocken wir nun in der prallen Sonne Israels und auch Sixt, Hertz und Eldan vertreten diesselbe Meinung. „Its the law!“ Doch die Straße der Autovermieter ist lang und ab einem gewissen Punkt rennen zwei von uns in jeden noch so kleinen Laden und, Halleluja, finden einen der es mal nicht so eng sieht und uns eine Karre leiht. Natürlich nicht sofort. Aber in einer Stunde. Maximal zwei.

 

Endlich angekommen gibt es Bändchen, Plan und Veranstaltungsprogramm. Die angekündigte Polizeikontrolle bleibt aus und wir versuchen durch den Irrgarten der bereits parkenden Autos  zu unserem weit dahinter liegenden Campbereich zu gelangen. Das Straßensystem ist in Uhrzeiten angelegt und wir wohnen zwischen 9:00 und 9:30 flankiert von  Mainstream Extreme und dem Unbirthday Camp. Tatsächlich schaffen wir dies vor Sonnenuntergang. Genauso meine zwei Trolleys durch den meterhohen Mehlsand zu schleifen, sowie den Aufbau zweier Zelte. Was leider nicht mehr klappt, ist mich in mein tolles White Night Kostüm zu werfen. Im Dunkeln, in einem 26Kilo Koffer, findet sich irgendwie gar nix. Ausserdem will man nun endlich mal los. Und was trinken. Und transzendieren. Glaub ich zumindest, da ich bis heute nicht ganz sicher bin was das genau bedeutet.

Die nächsten 3-4 Tage, wer weiss das schon genau, sollen die schönsten unseres Lebens werden.
Vollgekackte Dixie Klos und abgekärchert zu werden, statt zu duschen, gehören schnell zu nebensächlichen Unannehmlichkeiten. Staub ist besser als Sand und nur weil der nächste Getränkeladen 2h entfernt und dann geschlossen ist, braucht man nun auch nicht gleich schlechte Laune bekommen. Es ist das Gefühl was zählt. Liebe, Freundschaft und ein Omlett mit Pilzen. Mehr braucht es nun wirklich nicht, um von einem erklärten Meermädchen zum Kind der Wüste zu werden. Ernsthaft.

Es ist Samstag. Unser letzter Abend. Traurig, denken wir. Ein Glück, unsere Lebern. Vorbereitet waren wir überhaupt nicht. Die Anreise ein Horror. Viel zu spät angekommen. Zu viel Essen besorgt, zu wenig Alkohol gekauft. Und das zwei Koffer und drei Taschen nicht wüstentauglich sind, habe ich nun auch eingesehen. Ein Kofferrucksack und eine faltbare Kleiderstange werden es das nächste Mal sein. Die Kostüme müssen thematisch voneinader getrennt in Kleidersäcke und dann vor Ort aufgehängt werden. Tagsüber kurz und knapp. Nachts warm und leuchtend. Da muss dann einfach mal ein Jahr vorher mit der Planung beginnen. Teilzeit wäre nicht schlecht. Oder einfach mal gar nicht arbeiten. Festivalkarenz sozusagen. Nächstes Jahr wird alles besser und ich beweine nur noch ein bisschen den Umstand, mein WhiteNight Kleid ungetragen, dafür in Staub gehüllt, nachhause zu fliegen. Scheiß drauf, schmeiße mich in die Rüschen und schaffe zumindest noch ein paar Fotos bevor Sonne und Temperaturen unter gehen…

Gifting, Hugging, Sharing, Dancing and so much Laughing. Tolle Menschen, jeder unfassbar gut drauf. Grossartige Kunstinstallationen, soviel Kreativität. Ich bin mächtig beeindruckt und nur ein bisschen traurig, außer unseren Mietwagen zu schrotten, sowenig dazu beigetragen zu haben. Und leider fällt der Blick ins Programmheft zum ersten Mal als ich leicht verstört mit Bässen in den Ohren wieder daheim in meiner Wohnung sitze. Zumindest beim „Most Spankable Ass Contest“ hätte ich mal mitmachen können und goldene Strumpfhosen gewinnen. GOLDENE Strumpfhosen!!! Und wann haben die den Tempel verbrannt? Wo war die Diskokugelhütte und wo zum Teufel waren wir die ganze Zeit? In diesem verdammten Sunrise Kingdom, erinnere ich mich grimmig. Uns die Seele aus dem Leib tanzen. Und schon wieder fängt mein Bein zum Zucken an und ich denke nur Musik. Ein wenig Schelte haben wir aus den Reihen unseres Camps dafür auch bekommen. Dies wäre kein Festival, wo es nur ums Tanzen und Feiern geht! Hier geht es auch um eine kommunal Lebensweise.    „Next Year“ fällt die allgemeine Prognose aus. Nächstes Jahr wird alles besser und es hilft ein wenig über den Trennungsschmerz hinweg.

Midburn ist ein eigener Planet und seltsamerweise macht es gar nix das er kein Meer hat. Die Wüste lebt….Und mehr kann ich leider nicht sagen, denn:

What happens at Midburn…

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